Geschichte

Josef BaurDie Eröffnung des "Hotels Baur am See" und die Verdienste seines Erbauers im Hochpustertaler Fremdenverkehr
Von Hans-Günter Richardi

Das "Hotel Baur am See" in Toblach, wie das Haus heute heißt, kann auf eine lange und erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Erbaut hat den Beherbergungsbetrieb der im Oberpustertal hochangesehene Hotelier und k. k. Postmeister Josef Baur. Am 16. Februar 1901 wurde er "in Würdigung seines langjährigen humanitären Wirkens" zum Ehrenbürger von Toblach ernannt.

Fünf Monate nach dieser Ehrung eröffnete Baur, der auch Herr über die Hotelsiedlung "Hotel Baur & Dependancen Landro-Höhlenstein" war, am Sonntag, dem 7. Juli 1901, das "Seehotel", wie das Haus am Toblacher See zunächst genannt wurde. Dieses Ereignis war dem Pustertaler Bote am 12. Juli 1901 eine eigene Meldung wert. "Als Hoteldirektor", berichtete das Blatt damals weiter, "hat Herr Baur Herrn Heinrich Goserich aus Bozen, einen in Hotelwesen wohlbewanderten Mann, bestellt."

Hotel Baur & Dependancen Landro-Höhlensteintal"Äußerst elegant ausgestatteter Bau - mit allem Comfort der Neuzeit"

Über das Bauwerk selbst, das unmittelbar an der Ampezzaner Reichsstraße errichtet worden war, schrieb der Toblacher Korrespondent der Zeitung: "Das Hotel ist ein schmucker, mit allem Comfort der Neuzeit versehener, äußerst elegant ausgestatteter Bau, der sich gar bald eines starken Besuches erfreuen wird. Die Hauptfront ist dem See zugewendet und wurde schon Sonntag von den zahlreichen Besuchern aus Toblach und Innichen der Wunsch laut, Herr Baur möchte an den großen Plätzen oberhalb des Seeufers Tische errichten, denn dort würde es reizend sein, bei frischer Seeluft an Morgen und Abenden weilen zu können."

der Toblacher-SeeDas "Seehotel" fand so rasch große Beachtung, dass auch Josef Anton Rohracher den Beherbergungsbetrieb in seinem Reiseführer "Toblach und das Ampezzotal", der im Jahre 1912 bereits in dritter Auflage erschien, aufführte. Der Reiseschriftsteller verwies darin zunächst auf den forellenreichen Toblacher See, der Eigentum des Grafen Künigl in Ehrenburg sei, und nannte dann das "Seehotel", das "am Beginn des Sees" liege und das als Pension und Restaurant zugleich diene. Als Jausenstation werde das Haus gern besucht.

Baur als Begründer der Bahnstation in Toblach

die Bahnstation in ToblachGroße Verdienste hatte sich der viel zu früh gestorbene Hotelier auch bei der Errichtung des Toblacher Bahnhofs erworben. Zunächst war nicht geplant, die Züge der Pustertaler Bahn in Toblach halten zu lassen, zumal die Toblacher Bauern gegen eine Eisenbahnlinie im Pustertal Sturm liefen, die seit dem Jahre 1869 im Bau war. Josef Baur sen. sah das anders. Er erkannte im modernen Eisenbahnverkehr, der das Pustertal mit den Großstädten in Europa verbinden würde, einen Gewinn für den Fremdenverkehr seiner Heimat.

So trat er mit der Südbahngesellschaft in Verbindung und regte an, eine Bahnstation in Toblach zu errichten, die den Fremdenstrom im großen Maße ins Hochpustertal und nach Cortina lenken würde. Sein Vorschlag fand die Zustimmung der Bahn. Sie verlangte jedoch von Baur, dass ihr an der Kreuzung der Eisenbahnstrecke mit der Ampezzaner Reichsstraße nach Cortina der Bau eines Hotels zugesichert wurde.

das Hotel Ampezzo in NeutoblachDer Postmeister entschied sich, das Hotel selbst zu errichten. Für das Vorhaben gewann er seinen Freund Romeo Manaigo, einen Hotelier in Cortina, der ebenfalls an einer Bahnstation in Neutoblach interessiert war. Beide gründeten die Gesellschaft "Baur und Manaigo" und setzten das Projekt in die Tat um, nachdem auch noch der Cortineser Hotelier Ghedina zur Gesellschaft gestoßen war. Das Hotel, das zunächst "Gasthof Baur", dann "Gesellschaftshotel Toblach" und schließlich "Toblacher Hof" hieß, wurde im Jahre 1872 als erster Beherbergungsbetrieb in Neutoblach eröffnet. Mit dem Haus, das dann nach 1900 den Namen "Hotel Ampezzo" trug, hatte Baur die Voraussetzung für die Entstehung Neutoblachs geschaffen. Das "Südbahnhotel" (heute bekannt unter dem Namen "Grand Hotel Toblach") entstand erst später.

Der Sohn war noch nicht volljährig, als er im Jahre 1879 mit seiner Mutter den Hotelbetrieb des Vaters übernehmen musste. Rasch erkannte Josef Baur jr., dass er mit der Zeit gehen müsse, um das Unternehmen weiter voranzubringen. So sah er - wie viele seiner Zeitgenossen damals - im technischen Fortschritt seine Zukunft. Die Gäste erwarteten nämlich schon vor Beginn des technischen Zeitalters im Hotel Komfort und den Luxus moderner Errungenschaften. Josef Baur bot ihnen bald beides.

Erste elektrische Beleuchtung in Landro

So erkannte Baur schnell den Prestigegewinn, den eine elektrische Beleuchtung seinem Unternehmen bringen würde, und handelte danach. Im April 1892 ließ er in allen Gebäuden des "Baur'schen Fremden-Etablissements" in Landro elektrische Leuchten installieren. In sämtlichen Häusern brachte er insgesamt mehr als 300 Glühlampen zum Einsatz. Für die äußere Beleuchtung sorgten drei Bogenlampen. Der Betrieb der Stromanlage erfolgte tagsüber mit Dampfkraft. Während der Nachtstunden diente Mühlwasser als Antrieb. Die Umstellung von Petroliumlampen auf elektrisches Licht galt im Jahre 1892 noch als sensationell.

Aber der Hotelier ließ es dabei nicht bewenden. Mit dem ihm eigenen Weitblick für den technischen Fortschritt trat er im Jahre 1900, als das "Seehotel" am Toblacher See noch im Bau war, auch für die Errichtung eines eigenen Elektrizitätswerks in Toblach ein. Er fand Gleichgesinnte, die das Unternehmen unterstützten, und bereits am 27. Juli 1900 war im Pusterthaler Bote zu lesen: "In der Gratsch bei Toblach wird emsig an dem Electricitätswerke gearbeitet, das die Firma Siemens & Halske übernommen hat." Dasselbe werde durch "die Wasserkraft der Rienz eine Elektricität von 300 (im Winter) bis 500 (im Sommer) Pferdekräften entwickeln". Dies reichte aus, um auch die Nachbarorte Innichen und Niederdorf reichlich mit Strom zu versorgen

Josef Baur war so sehr die Seele des Unternehmens, dass er im Dezember 1900 in der Vollversammlung der "Gesellschaft des Elektricitätswerkes" zum Obmann dieser Institution gewählt wurde - als Nachfolger des Ingenieurs Jakob Rienzner, der mit seinem Vater und mit der berühmten "Frau Emma" in Niederdorf die Alpenvereinssektion Hochpustertal ins Leben gerufen hatte.

Furcht vor den schnellen Automobilen

Doch die Begeisterung des erfolgreichen Hoteliers für den technischen Fortschritt hatte auch ihre Grenzen. Sie endete bei den Automobilen, die an seinen Hotels auf der Ampezzaner Straße vorbeirasten. Die motorisierten Touristen waren ihm und seinen Mitstreitern im Tiroler Landesverband für Fremdenverkehr, dem Baur als Mitglied des Zentralausschusses angehörte, ein Dorn im Auge. Und das war bei der Rücksichtslosigkeit vieler Autofahrer nicht unbegründet. Lohnkutscher und Sommergäste sahen im Autoverkehr aber auch noch aus anderen Gründen eine große Gefahr.

So war im Juli 1901 eine dementsprechende Klage im Pusterthaler Bote zu lesen. Diese stand direkt unter dem Bericht über die Eröffnung des "Seehotels", das ja angesichts seiner unmittelbaren  Lage an der Ampezzaner Straße durch die "neuen Schnellläufer" besonders bedroht war.
"Über die eingeführten Automobilfahrten Toblach-Ampezzo", hieß es da, "sind die dortigen Lohnkutscher und auch die Sommergäste nicht besonders erbaut; den ersteren wird dadurch der Verdienst, auf welchen sie das ganze Jahr warten, entzogen (...), und bei den Letzteren, die mit dem Wagen fahren wollen, hat sich ihrer eine gewisse Furcht vor Unfällen bemächtigt, denn die Pferde wollen sich an diese neuen Schnellläufer, die auf ihren Fahrten recht unbequeme Staubwolken zurücklassen, nicht gewöhnen. Der Wagenverkehr auf dieser Strecke ist ein ungemein starker und es vergeht beinahe kein Tag, wo Unannehmlichkeiten durch Scheuwerden der Pferde vorkommen."

Als das Posthorn auf der Ampezzaner Straße für immer verstummte

Das Automobil hielt seinen EinzugAber das Auto war auch auf der Ampezzaner Reichsstraße nicht mehr aufzuhalten. Bereits am 31. März 1914 fuhr der allerletzte Postomnibus, festlich dekoriert, von Toblach nach Cortina. "Wiederum", klagte ein Pessimist in der örtlichen Presse, "ist ein Stück historischen Betriebes verschwunden und anstatt der fröhlichen Weisen des Posthornes wird man sich die ohrenbetäubenden Hupensignale der Postautos und deren schrillen Pfiffe angewöhnen müssen."


Ein halbes Jahr danach versank das alte Europa im Chaos des Ersten Weltkrieges. Mit ihm kam auch das Ende des Hotelimperiums von Josef Baur. Sein Landro fiel im Jahre 1915 dem Vernichtungsbefehl der österreichisch-ungarischen Armee zum Opfer, und im Feuer der Artillerie  war der Untergang der Hotelsiedlung nicht mehr aufzuhalten.

Josef Baur konnte wohl kaum ahnen, daß er mit dem Bau des Seehotels seinen Nachfahren die Existenzgrundlage schuf. Vom Krieg verschont, modernisierte seine Enkelin Maria Antonia Franchi-Baur das Hotel und führte es erfolgreich weiter. Dank unermüdlichen Ehrgeiz und trotz widrigen Voraussetzungen und Verboten, (die Ruinen wurden zuerst Militärzone und dann Naturpark erklärt) gelang es Ihr, Landro wieder vom Dornröschenschlaf zu wecken. 1980 eröffnete Sie das Hotel Dreizinnenblick an der Stelle, wo einst die Villa vom König der Belgier stand.